Statement von Wim Wenders zum weiteren Umgang mit dem Film Falsche Bewegung
Als einziger der damals für Falsche Bewegung handelnden Verantwortlichen, der noch da ist, sehe ich, dass Nastassja Kinski damals hätte besser beschützt werden müssen. Dafür bitte ich Dich um Entschuldigung, Nastassja, ohne Wenn und Aber.
Die gemeinnützige Wim Wenders Stiftung, der der Film gehört, zieht den Film aus allen aktuellen Auswertungsformen zurück. Streaming-, TV- und Vertriebspartner werden angewiesen, den Film nicht mehr öffentlich zugänglich zu machen.
Die vielen Reaktionen, Hinweise und Gespräche der vergangenen Tage haben wesentlich dazu beigetragen, meinen Blick auf die damaligen Ereignisse weiter zu schärfen. Dafür bin ich dankbar. Nur ein offener und respektvoller Austausch führt dazu, Positionen zu überdenken und Verantwortungen neu wahrzunehmen.
Es ist nötig, dass unsere Gesellschaft angemessene Umgangsweisen für strittige Filmwerke des 20. Jahrhunderts findet und sich neuen Lernprozessen und inklusiven Perspektiven in Bezug auf Filme stellt. In dieser wichtigen Debatte werden wir einen breiten Austausch suchen – mit der Deutschen Filmakademie, dem DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, mit weiteren Filmerbe-Institutionen und anderen generationsübergreifenden Gruppen.
Erst danach, auch wenn es länger dauern sollte, und nachdem wir eine einvernehmliche Lösung, auch in Absprache mit Nastassja Kinski, haben vorlegen können, werden wir den Film wieder freigeben.
Berlin, 03. Juni 2026
Glückstadt im Norden Deutschlands, Bonn, ein Schloss am Rhein, eine Vorortsiedlung von Frankfurt und schließlich die Zugspitze, das sind Stationen einer Reise, von der sich der junge Wilhelm Meister (Rüdiger Vogler) erhofft, dass sie ihn von der dumpfen Gereiztheit und Mutlosigkeit erlöst, die ihn in seiner Heimatstadt bedrückt haben. In der Fremde glaubt er, das tun zu können, wozu er schon immer einen unbezähmbaren Drang verspürt, nämlich zu schreiben: Er will Schriftsteller werden. Von seiner Reise, auf die ihn seine Mutter (Marianne Hoppe) entlässt, erhofft er sich die Erweiterung seines Horizonts, vor allem aber: sich selbst zu finden.
In Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre”, auf dem das Drehbuch von Peter Handke basiert, war eine solche Reise noch eine „richtige Bewegung”. In der Literatur des 19. Jahrhunderts, vor allem im deutschen Entwicklungsroman, ist der Topos der Reise immer verbunden mit anhaltender Veränderung und Erfahrung. Reisen ist gleichbedeutend mit der erfolgreichen Suche nach der eigenen Identität.
Aber der Wilhelm aus „Falsche Bewegung” muss schmerzhaft erleben, dass eine Reise allein heute nicht mehr zum ersehnten Ziel führt. Sein Weg führt ihn in ein einziges Scheitern, an sich selbst und auch an allen Personen, die er unterwegs trifft, den Straßensänger Laertes (Hans Christian Blech), der mit seiner Nazi-Vergangenheit kämpft, das stumme Mädchen Mignon (Nastassja Kinski in ihrer ersten Rolle), den Dichter (Peter Kern) oder die Schauspielerin Therese (Hanna Schygulla).


















