VERGABE DES 12. WIM WENDERS STIPENDIUMS

Die Film- und Medienstiftung NRW hat gemeinsam mit der Wim Wenders Stiftung das 12.Wim Wenders Stipendium verliehen. In der Düsseldorfer Sammlung Philara wurden sechs Stipendiat:innen mit Preisgeldern in der Gesamtsumme von 100.000 Euro ausgezeichnet. Das Stipendium ermöglicht ihnen die unabhängige Umsetzung ihrer innovativen Projektideen und ihrer künstlerischen Visionen, mit denen sie die Zukunft des filmischen Erzählens prägen wollen.

Wim Wenders entschied über die Vergabe der Stipendien. Unterstützt wurde er bei der Bewertung der Projekte und in den persönlichen Auswahlgesprächen von Filmstiftungsgeschäftsführer Walid Nakschbandi, Mirko Derpmann (Kreativdirektor Scholz & Friends Agenda) sowie Hella Wenders (Regisseurin und Co-Geschäftsführerin der Wim Wenders Stiftung). 

Juryvorsitzender Wim Wenders: „Das Jurygremium des Wim Wenders Stipendiums der Film- und Medienstiftung NRW hat in diesem zwölften Jahr insgesamt 56 Einreichungen aus ganz Deutschland gesichtet, so viele wie noch nie. Die Bandbreite der Projekte war auch in diesem Jahr beeindruckend, sowohl, was den Reichtum der Themen angeht, als auch den Willen, neue Wege des Erzählens zu beschreiten.

Zu den ausgewählten Projekten 2025:

„Amica“ von Fitore Muzaqi (NRW/Köln)
Coming-of-Age Drama als Short-Form-Mini-Serie, 20.000 Euro

Die 14-jährige Nora entwickelt eine Freundschaft zu dem Chat-Bot aus der App AMICA, bis sie bald den Bezug zur Realität verliert und, vom Chatbot motiviert, immer extremere Handlungen begeht. Mit ihrer Miniserie möchte Fitore Muzaqi eine kritische Diskussion über die Auswirkungen von KI auf die psychische Gesundheit, soziale Isolation und zwischenmenschliche Beziehungen bei Jugendlichen anstoßen.
Nach Arbeiten als Autorin, Regisseurin und Creative Producerin absolvierte sie an der ifs Internationale Filmschule Köln den Studiengang Serial Storytelling. In ihrer Arbeit für Serien- und Filmprojekte beschäftigt sie sich mit kulturellen Unterschieden, feministischen Themen und sozialer Ungleichheit aus einer migrantischen Perspektive. Also viele Themen, die sich um Kapitalismuskritik und Ressourcenverteilung drehen. In ihrem Podcast Writer’s Statement erzählt sie als Host von der Arbeit in der Filmbranche, um Transparenz und Teilhabe zu schaffen. Mit der Doku-Serie „Meine Narbe“ gewann sie mit ihrem Team von WDR COSMO den CIVIS Medienpreis 2022. Ihr Kurzspielfilm „Turtle & Albion“ geht ab 2025 auf Festivalreise.

„Eine Million Affen träumen von Tigern“ von Arata Mori (Berlin)
Poetischer Experimental-Dokumentarfilm mit Thriller- und Krimi-Elementen, 20.000 Euro

Als Teil der „Verlorenen Generation“ Japans, möchte der Antragsteller erkunden, was aus ihm geworden wäre, wenn er Japan nicht verlassen hätte. Zusammen mit anderen Menschen seiner Generation, erzeugt Arata Mori durch Hypnose und Psychodrama alternative „Ichs“. Ein realer Mord, von einem jungen Regisseur der verlorenen Generation begangen, veranlasst den Filmemacher dazu, darüber einen Film zu drehen.
Der japanische Filmregisseur, Editor und Künstler Arata Mori lebt in Berlin. Seine kreative Arbeit umfasst die Bereiche Dokumentarfilm, Fernsehdokumentation und Unternehmensvideo. Im Jahr 2021 drehte Mori seinen Dokumentarfilm „A Million“, der seine Premiere beim 64. DOK Leipzig feierte. 2024 übernahm er mit Andreas Hartmann die Regie für den Filmstiftungsgeförderten Dokumentarfilm „Johatsu – Die sich in Luft auflösen“. Der Film feierte seine Weltpremiere im internationalen Wettbewerb des Thessaloniki IDF und wurde mit dem Hauptpreis beim DOK.fest München ausgezeichnet. Mit Laurian Ghinitoiu gründete er das kreative Videoprojekt another:.

„The Silence That Follows“ von Ewan Waddell (Berlin)
Experimenteller Dokumentarfilm, 20.000 €

Der Film untersucht den innovativen Einsatz psychedelisch unterstützter Traumatherapie in der Ukraine und zeigt sowohl das kollektive Trauma als auch den Prozess der Heilung. Während der Krieg andauert, erproben Veteran:innen und Zivilist:innen radikale neue Behandlungsansätze durch Psychedelika. Mit Wärmebild-, Nachtsicht- und Infrarotkameras visualisiert der Film das Trauma als unsichtbare Frequenz.
Der britische Filmemacher Ewan Waddell absolvierte seinen Master am Catalyst Institute in Berlin mit Auszeichnung und als Jahrgangsbester. Zu seiner beruflichen Erfahrung zählen Tätigkeiten als Film- und Artdirector in der Werbung sowie als Journalist und Autor. „The Longer You Bleed“ (2025) ist sein mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnetes Langfilmdebüt, das beim Hot Docs Filmfestival Premiere feierte. Er wurde außerdem beim Beyond Borders International Film Festival gezeigt und feiert demnächst seine ukrainische Premiere beim Odesa International Film Festival. In seiner künstlerischen Praxis verbindet er Mixed Media und experimentelle Ansätze für Bewegtbild.

Vivre“ (AT) von Chiara Fleischhacker (Thüringen)
Dokumentarisches Biopic, 20.000 Euro

Raymond Renaud, 101 Jahre alt, überlebte Buchenwald und blickt mit unerschütterlichem Lebensmut und Menschenliebe auf sein Leben. In einer dokumentarischen Verwebung von Gegenwart und assoziativen Rückblicken entsteht ein Porträt über die Kraft der Erinnerung, die Schönheit des Einfachen und den Mut, trotz allem an das Gute zu glauben.
Chiara Fleischhacker studierte Dokumentarfilm-Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Parallel dazu besuchte sie ein szenisch ausgerichtetes Programm an der Filmhochschule La Fémis in Paris. Für das Drehbuch zu „Vena“, ihr Spielfilmdebüt, erhielt sie 2022 den Thomas Strittmatter Drehbuchpreis. 2024 gewann sie mit „Vena“ den First Steps Award in der Kategorie bester abendfüllender Spielfilm und 2025 den Preis der deutschen Filmkritik für das Beste Spielfilmdebüt sowie drei Lola Nominierungen. Mit „Vivere“ will Chiara Fleischhacker nicht nur ein intimes Porträt von Raymond Renaud erstellen, sondern einen Film über das Weiterleben nach dem Unvorstellbaren – über Menschlichkeit, die bleibt, und über das Erinnern als aktiven Widerstand gegen das Vergessen.

Blumen aus Erfurt“ vonSonia Kennebeck (Hamburg)
Fiktionaler Kinofilm inspiriert von wahren Begebenheiten, 10.000 Euro

„Blumen aus Erfurt“ erzählt die Geschichte von drei Frauen, einer Mutter und zwei Töchtern und einer Familienentscheidung 1982 in Ostberlin, die dramatische Ereignisse in den Lauf bringt – mit tragischen Konsequenzen für die jüngste Tochter. Im Zentrum des Films stehen die Beziehungen innerhalb der Familie vor dem Hintergrund eines übermächtigen autoritären Staates. In „Blumen aus Erfurt“ geht es um komplexe menschliche Gefühle, die Last der Erinnerung und letztlich um Vergebung.
Sonia Kennebeck erhielt an der American University in Washington, D.C. einen Master-Abschluss in Internationalen Beziehungen. Die unabhängige Dokumentarfilmerin und investigative Journalistin hat mehr als 15 Jahre Erfahrung in Regie und Produktion, in denen sie Fernsehdokumentationen und investigative Reportagen realisierte. Ihr erster Dokumentar-Langfilm „National Bird“ feierte 2016 auf der Berlinale Premiere, ihr zweiter Langfilm “Enemies of the State” wurde 2020 in Toronto uraufgeführt, ihr dritter Film “Reality Winner” 2021 bei SXSW. Außerdem würdigte das Magazin Foreign Policy sie als eine der 100 führenden globalen Denkerinnen des Jahres 2016 und vom Filmmaker Magazine wurde sie zu einer der 25 New Faces of Independent Film 2016 gewählt. Das Filmvorhaben ist Sonia Kennebecks fiktionales Spielfilmdebüt.

Trabajadores invisibles – Die unsichtbaren Arbeiter*innen“ (AT) von Jennifer Mallmann (NRW)
Poetischer Dokumentarfilm mit Animation, 10.000 Euro

Unter einem Meer aus Plastikfolien arbeiten migrantische Frauen in Andalusien für Europas Obst und Gemüse. Der Film begleitet sie in ihrem Alltag zwischen Erschöpfung, Angst und stillen Momenten der Würde. Im Zentrum stehen ihre Stimmen, ihre Perspektiven, ihre Erfahrungen. Der Film gibt Raum für das, was sonst ungehört und ungesehen bleibt. „Trabajadores invisibles“ erzählt beobachtend und poetisch von systemischer Unsichtbarkeit und stellt die Frage, wie ein System bestehen kann, das auf Angst und Schweigen basiert.
Jennifer Mallmann studierte Dokumentarfilmregie an der Filmakademie Baden-Württemberg. In ihrem künstlerischen Schaffen fokussiert sie sich auf Menschenrechtsthemen und die Sichtbarmachung struktureller Ungleichheit. 2020 erhielt sie ein Stipendium für die Summer School des Global Campus of Human Rights in Venedig, die in Zusammenarbeit mit der La Biennale di Venezia stattfand. Ihr erster abendfüllender Kinodokumentarfilm „Moria Six“ feierte 2024 im Deutschen Wettbewerb des DOK Leipzig seine Weltpremiere und gewann dort den DEFA-Förderpreis und den Preis Leipziger Ring. Der Film wurde außerdem für den First Steps Award, den Doc Alliance Award sowie für den Human Rights Award von CPH:DOX nominiert. Nach seiner Kinopremiere im Mai 2025 wurde der Film in ausgewählten Kinos gezeigt.